Erörterung zu »Gesellschaftliche Moral des Wissenschaftlers«

Im Folgenden veröffentliche ich hier eine Erörterung zu Albundeskanzler Hemut Schmidts Ausarbeitung »Gesellschaftliche Moral des Wissenschaftlers« (zu finden auf Zeit Online).

Diese Arbeit ist von mir im Rahmen des Faches Deutsch geschrieben worden; Jahrgang 13 am Gymnsasium, Unterrichtsgegenstand: »Wissen und Verantwortung«. Die Zeilenangaben sind leider nicht für den Originaltext auf Zeit Online verwendbar.


Erörterung zu »Gesellschaftliche Moral des Wissenschaftlers«

Altbundeskanzler Helmut Schmidt äußerte sich bereits im Jahre 1982, am 18.06., in der Zeitschrift „Die Zeit“ in seiner Abhandlung »Gesellschaftliche Moral des Wissenschaftlers« zur Fragestellung, ob ein Wissenschaftler für die gesellschaftlichen Folgen seines Handelns verantwortlich zu machen ist.

Er steigt mit zwei Beispielen in das Thema ein. Begonnen mit Otto Hahn und Lise Meitner, welche die erste künstlich herbeigeführte Spaltung eines Atoms „auf einem Küchentisch“ durchführten (Z. 7). Doch nur wenige Jahre danach wurde die erste Atombombe gezündet. Und das heutige Atomwaffenarsenal der Großmächte ist immens. Schmidt fragt, ob nun diese beiden Wissenschaftler die Verantwortung für das Geschehene tragen und beantwortet die Frage gleich mit einem teilweise „Ja“ (Z. 13ff).

Das zweite Beispiel, weniger spektakulär, aber ebenfalls sehr weitreichend, behandelt die Entwicklung der Mikroelektronik, im Speziellen die Informations- und Unterhaltungselektronik. Schmidt sieht diese als „nicht tödlich im physischen Sinne“ (Z. 19). Die darin implizierte Aussage, sie sei dann aber im psychischen Sinne tödlich, bestätigt sich im Folgenden.

„Die uferlose, schnelle Ausbreitung dieser neuen Technik“ führe dazu, dass die sog. „Lesekultur“ verloren ginge, so Schmidt (Z. 24f). Dies ist darin begründet, dass die Informationsflut dazu zwinge, Schriften nur noch zu überfliegen, um Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Somit gehe viel Zeit für die Bewältigung der Informationen verloren und wichtige Arbeiten müssen zurückgestellt werden. Damit werde der Zerfall unserer Kultur eingeleitet (Z. 40 und 46f.).

Hierauf kehrt Schmidt wieder zur eigentlichen Fragestellung, der Verantwortung zurück. Ist jeder, der auch nur im Geringsten an der Entwicklung dieser neuen Technologie beteiligt war, auch mitverantwortlich für die Folgen (Z. 50f.)? Doch damit sei es zu leicht, in der Masse die Verantwortung von sich zu schieben (Z. 54), denn man hatte ja keinen Überblick über die Folgen seines Handelns (Z. 68-70).

Aber genau hier setzt Helmut Schmidt mit seinem Appell an. Gerade das Unwissen über den Gesamtzusammenhang, gerade das Spezialwissen stelle die Herausforderung an den Einzelnen, sich einen „Überblick über mögliche Folgen des eigenen Handelns zu verschaffen.“ (Z. 71-72)

Hier wird noch die immer weiter reichende Spezialisierung der Wissenschaftsdisziplinen angeführt, welche im Zeichen der Zeit geboten sei, doch um wirklich moralisch und verantwortlich zu handeln, sei eine Erweiterung des Blickfeldes von Nöten, „die Anstrengung zum umgreifenden Überblick [ist] unausweichlich geboten!“ (Z. 90-91)

So weit zum Inhalt. Auffällig ist, dass Schmidt seine Argumente immer wieder sehr harmlos beginnt, um sie im nächsten Satz stark zu dramatisieren. Vergleiche „Atomspaltung auf dem Küchentisch“ und „Explosion der Atombombe“.

Doch wird die zentrale Fragestellung, ob der Wissenschaftler für die gesellschaftlichen Folgen seines Handelns verantwortlich sei, nicht direkt beantwortet. Vielmehr schwenkt Schmidt, wenn er den Zusammenhang der Verantwortung der Politiker und der Wissenschaftler erläutert um zu der persönlichen Verantwortung eines Wissenschaftlers. Hier habe der Einzelne die Aufgabe, sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen um ggf., und das liegt nur implizit in Schmidts Aussagen, seine Arbeit nicht durchzuführen. Wer jedoch letzten Endes für die gesellschaftlichen Folgen einer Erfindung, einer Kette von Erfindungen belangt werden kann, ist auch nach der Lektüre unklar.

Helmut Schmidts Argumentation ist insgesamt sehr gut nachvollziehbar. Insbesondere seine Vorausschau bezüglich der Informationselektronik beweist sich in der heutigen Zeit als weitestgehend zutreffend. Der Durchschnitt der Menschen in der technisierten Welt ist damit zeitfüllend beschäftigt, Informationen endlos auf sich einwirken zu lassen und zu versuchen, Wichtiges herauszufiltern. Ebenfalls trifft die These, die Boulevardzeitung werde einer der Hauptinformationsvermittler, zu (Z. 40). Zu sehen daran, dass die Bild-Zeitung die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands ist.

Eine der Folgen der Technisierung ist insbesondere in der jüngeren Generation, eine immer stärker werdende Entfremdung von Büchern, ganz speziell aber auch eine Entfremdung vom Austausch über Gelesenes. Wie sich diese Entfremdung noch weiter auswirken wird, ist heute unklar, und wenn es schlimme gesellschaftliche Folgen haben wird, wer ist dann verantwortlich?

Doch nicht einmal Herr Schmidt kommt bei dieser Frage zu einem Ergebnis. Sie ist wohl auch schlicht nicht beantwortbar.

Aber ergebnislos soll Schmidts Werk nicht bleiben. Seinen Appell sollte ein jeder beherzigen. Schauen wir über den Tellerrand, und handeln wir so, dass wir es persönlich verantworten können, und schrecken wir nicht davor zurück, uns die Arbeit zu machen, ein wenig mehr als nur die eigentliche Aufgabe zu erledigen, oder wenn notwendig, die Durchführung einer Aufgabe auch zu verweigern.

Ein Gedanke zu „Erörterung zu »Gesellschaftliche Moral des Wissenschaftlers«“

  1. Schmidt kommt sehr wohl zu einem Ergebnis und es ist, wie die Grundstimmung des Artikels, meines Erachtens eher bedenklich.
    So stellt er am Anfang von Seite drei die These auf, weder Politiker noch Wissenschaftler könnten die Verantwortung auf den anderen abschieben.
    Zunächst sieht er also eine Verantwortung (auch) des Wissenschaftlers wohl auch für jedweden, ergo auch kriegerischen oder verbrecherischen Gebrauch, des erlangten Wissens. Aus den Beispielen, die er wählt, ergibt sich notwendig, dass hier auch eine Verantwortung für unvorhergesehene oder gar unvorhersehbare Folgen einer Erfindung oder Forschung gemeint sei. (Die Konsequenzen der Halbleiterentwicklung waren den Betreffenden sicherlich nicht überschaubar.)
    Verknüpft man dieses mit der in meiner Wahrnehmung negativen Grundwertung der Entwicklung von Atomwaffen oder moderner Kommunikation, so ergibt sich hier eine grundsätzliche Fortschrittsfeindlichkeit.
    Denn zum Einen kann die Wertung meines Erachtens nicht berechtigterweise so einseitig negativ ausfallen. Dem wird jeder Zustimmen, dem ein Mobiltelefon schon einmal aus der Patsche oder gar Lebensgefahr geholfen hat. Zum Anderen ist unter dieser Prämisse jedwede Forschung von vornherein einem Schuldvorwurf für einen noch nicht absehbaren Missbrauch der Erkenntnisse ausgesetzt und damit eigentlich nicht vertretbar.
    Vor diesen Ableitungen komme ich im Gegensatz zu Herrn Schmidt eher zu der Auffassung, dass der Wissenschaftler zwar kausal wird für einen Missbrauch der durch ihn gewonnen Erkenntnisse (wobei sich auch die Frage nach Ersatzkausalitäten stellen könnte) aber dieser ihm regelmäßig nicht zurechenbar und damit auch nicht vorwerfbar ist, er hierfür also regelmäßig keine Verantwortung trägt.
    Anderes mag in Ausnahmefällen gelten, in denen der Wissenschaftler den konkreten Gebrauch seiner Forschungsergebnisse absehen konnte oder hätte absehen können müssen.

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